Eher zufällig bin ich Ende 2024 in Brüssel auf einen Hinweis zu einer atemraubenden Foto-Ausstellung gestoßen, die in der wunderschönen Hangar Gallery Studio-Arbeiten des belgischen Fotografen Stephan Vanfleteren präsentierte. Neben sehr eindringlichen schwarzweißen Porträts gab es Bilder aus seiner Serie „Nature Morte“ zu sehen, die mich wirklich umgehauen haben.
Die Bilder sind das Ergebnis langjähriger Arbeit in seinem heimischen Tageslichtstudio. Graue Bühnenvorhänge bilden überall den einzigen, sich ständig wiederholenden Hintergrund und sorgen für eine extrem reduzierte, unglaublich eindringliche Bildsprache. Die meisten Aufnahmen entstanden bei eher schwachem Tageslicht, das oft wie ein Theaterscheinwerfer die wichtigen Lichtakzente setzt.

„Nature Morte“ ist der französische Begriff für Stillleben und umfasst generell die Darstellung unbewegter Dinge. Die wörtliche Lesart „tote Natur“ verbindet sich aber mit dem Vanitas-Gedanken: Stillleben werden zum Ort, an dem Vergänglichkeit, Tod und Nichtigkeit des Irdischen thematisiert werden. In seiner gleichnamigen Serie radikalisiert Vanfleteren seine Überzeugung, dass alles Porträtieren im Grunde ein Memento mori ist. Seine Porträts toter Tiere in seinem Atelier, sorgfältig und geduldig ohne jeden Anflug von Effekthascherei hergerichtet werden nicht als Trophäen, nicht als Symbole einer Jägerphantasie dargestellt, sondern als stille Zeugen eines gelebten Lebens, deren Fell, Federn oder Schuppen in einem milden, fast tröstlichen Licht aufscheinen.

Die Reminiszenz an die Malerei der Alten Meister ist unübersehbar – Caravaggio, Zurbarán, niederländische Stilllebenmalerei –, aber Vanfleteren betreibt keine nostalgische Stilübung. Die Körper liegen in einem unbestimmten, dunklen Raum, herausmodelliert aus dem Halbdunkel; die Schatten sind nicht dekorativ, sondern schaffen einen unbegrenzten Raum, in den der Betrachter eingesogen wird und der zur Auseinandersetzung mit den existenziellen Thema der eigenen Sterblichkeit herausfordert. „Wenn du das Licht sehen willst, schau in den Schatten“ – dieser Satz, der im Zusammenhang mit der Serie zitiert wird, könnte als inoffizielles Motto dieser Arbeit gelten. Auch die Entscheidung, in „Nature morte“ und Teilen seiner neueren Arbeiten Farbe einzusetzen, wirkt nie dekorativ, sondern zwingend: Wo Farbe auftaucht, ist sie Teil des Körpers, Teil der Verletzbarkeit, nie bloß Fläche.

Dass Vanfleteren jahrelang mit denselben Lichtverhältnissen, am gleichen Ort, mit derselben Geduld gearbeitet hat, stiftet eine innere Geschlossenheit der Bilder, die die Ausstellung zu einem meditativen Erlebnis machte.
Das herausragende Fotobuch „Atelier“ setzt diese Atmosphäre auf großartige Weise um. Im Buch wie in der Ausstellung entsteht so eine Folge von Bildern, die weniger auf Schock setzen, sondern auf eine langsame, beinahe sachliche Betrachtung von Vergänglichkeit.

Da die Ausstellung eher neuere Arbeiten von Vanfleteren präsentierte, wurde ich neugierig auf seine älteren Arbeiten und bestellte mir auf gut Glück seinen Bildband „Belgicum“, den er seinem interessanten Geburtsland gewidmet hat.
Wenn „Nature morte“ die Welt ins Atelier holt, ist „Belgicum“ das große Herausgehen in ein Land, das der Fotograf über mehr als fünfzehn Jahre durchstreift hat. „Belgicum“ ist ausdrücklich kein „objektives“ Landesporträt, sondern ein subjektives, schwarzweißes Dokument, in dem sich Topografie, Architektur und Gesichter zu einem Versuch über die Identität Belgiens verdichten. Die Bilder führen in Randzonen, Zwischenräume, Bracheflächen, in Cafés, Hinterzimmer, vorbei an Fassaden, deren Schriftzüge und Gardinenreste von vergangenen Versprechungen erzählen. Die Serie vermeidet spektakuläre Momente und konzentriert sich auf Alltagsarchitektur, Gesichter, Schriftzüge, Spuren von Arbeit und Geschichte. Im Fotobuch verdichten sich diese Beobachtungen zu einer Art visuellen Inventur, in der ein kleines Land über seine Ränder, Brüche und Übergangszonen sichtbar wird.

Vanfleteren spricht von Belgien als einem Land mit „seltsamer und guter Energie“, und genau diese Ambivalenz trägt die Serie. Die Menschen, denen wir in „Belgicum“ begegnen, sind weder heroisiert noch mitleidig ausgestellt, sondern mit einer zärtlichen Strenge betrachtet: Falten, Schmutz, Narben, schiefe Zähne – alles wird ernst genommen, nichts geglättet. Ihnen ist anzusehen, dass sie eine lange Geschichte von Anstrengung und Entbehrung, aber auch Stolz und Eigensinn mit sich tragen. Die nahen, kontrastreichen und extrem detailreichen Porträts (die gelegentlich an die Aufnahmen von Anders Petersen im Cafe Lehmitz erinnern) werden durch atmosphärische, gelegentlich verschwommene Aufnahmen belgischer Landschaften und Orte begleitet, die alles andere als klassische Postkartenansichten sind. Flache Horizonte, Industriefragmente, Atlantikwall-Bunker und abblätternde Fassaden schreiben sich als körperliche Zeichen eines Landes ein, das seine Wunden nicht versteckt. Die Vergangenheit als Vergangene ist immer präsent, ein Belgien der Erinnerung, in der das 21. Jahrhundert keinen Platz findet.

Das Fotobuch „Belgicum“, längst ein moderner Klassiker, bündelt diese Reise durch ein melancholisches Land im Herzen Europas zu einem visuellen Atlas. Man blättert nicht konsumierend, sondern wandernd; jedes Foto ist wie eine Wegmarke in einem Territorium, das zugleich vertraut und fremd wirkt, gerade wenn man selbst in einem mitteleuropäischen Kontext lebt. Die Strenge des quadratischen Formats, die dichte Folge der Schwarzweißbilder und der begleitende Essay von David Van Reybrouck machen „Belgicum“ zu einem Buch, das man nicht einfach besitzt, sondern mit der Zeit bewohnt. Vanfleteren gelingt die seltene Balance aus Zeitlosigkeit und historischer Präzision: Die Bilder könnten aus einer anderen Epoche stammen und sind doch unverkennbar Kinder der Gegenwart.

Gerade im Zusammenspiel von „Belgicum“ und „Nature morte“ zeigt sich, wie eng bei ihm Leben und Tod, Nähe und Distanz, Dokument und Vanitas miteinander verschränkt sind. Die toten Tiere im Atelier und die lebenden Menschen in den belgischen Straßen, Kneipen und Stuben gehören derselben moralischen und ästhetischen Welt an: einer Welt, in der Würde nichts mit Erfolg zu tun hat, sondern mit der Sorgfalt, mit der jemand betrachtet wird.
Stephan Vanfleteren wurde 1969 in Belgien geboren und gehört heute zu den bekanntesten Fotografen der Benelux-Länder. Er hat in den 1990er-Jahren zunächst als Fotojournalist gearbeitet, unter anderem für die belgische Zeitung De Morgen, und Ereignisse wie die soziale Unruhe bei Forges de Clabecq, den Kosovo-Krieg oder den Genozid in Ruanda begleitet. Parallel dazu entwickelte er früh seine eigene Handschrift in der Schwarzweißfotografie, die ihn von klassischer Reportagearbeit in Richtung freier dokumentarischer und künstlerischer Serien führte. Heute umfasst sein Werk Porträtserien, Langzeitprojekte in Belgien, Arbeiten zu Meer und Küsten, Studioarbeiten, Stillleben und Akte; er wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit mehreren World-Press-Photo-Preisen.
Die Bücher sind unbedingt zu empfehlen. Wer sich einen ersten Eindruck machen will, sollte sich Zeit für seine Website nehmen, auf der man einen ausführlichen Einblick in sein Schaffen bekommt, das reich an weiteren, teils sehr unterschiedlichen Serien ist, die sich dennoch formal verwandt anfühlen. Man darf sich sattsehen!

Rather by chance, at the end of 2024 in Brussels I came across a notice for a breathtaking photo exhibition in the beautiful Hangar Gallery that presented studio works by the Belgian photographer Stephan Vanfleteren. In addition to very intense black-and-white portraits, there were images from his series “Nature Morte” on view that really blew me away.
The images are the result of many years of work in his daylight studio at home. Grey stage curtains everywhere form the only, constantly recurring background and create an extremely reduced, incredibly haunting visual language. Most of the photographs were taken in rather weak daylight, which often acts like a theatre spotlight to set the key accents of light.

“Nature Morte” is the French term for still life and generally denotes the depiction of motionless things. The literal reading “dead nature”, however, links it to the vanitas idea: still lifes become a place where transience, death, and the futility of earthly things are addressed. In his series of the same name, Vanfleteren radicalizes his conviction that all portraiture is, fundamentally, a memento mori. His portraits of dead animals in his studio, carefully and patiently arranged without the slightest hint of sensationalism, are not shown as trophies or as symbols of a hunter’s fantasy, but as quiet witnesses to a life that has been lived, whose fur, feathers, or scales flare up in a gentle, almost comforting light.
The reminiscence of Old Master painting is unmistakable – Caravaggio, Zurbarán, Dutch still-life painting – but Vanfleteren is not engaging in a nostalgic stylistic exercise. The bodies lie in an indeterminate, dark space, modeled out of the half-light; the shadows are not decorative, but create an unlimited space into which the viewer is drawn and which challenges them to engage with the existential theme of their own mortality. “If you want to see the light, look at the shadow” – this sentence, which is quoted in connection with the series, could be regarded as the unofficial motto of this work. Even the decision to use color in “Nature Morte” and parts of his more recent work never appears decorative, but compelling: wherever color appears, it is part of the body, part of its vulnerability, never merely surface.

The fact that Vanfleteren worked for years with the same lighting conditions, in the same place, with the same patience, creates an inner cohesion of the images that made the exhibition a meditative experience. The outstanding photobook “Atelier” translates this atmosphere in a magnificent way. In the book as in the exhibition, a sequence of images arises that relies less on shock than on a slow, almost matter-of-fact contemplation of transience.
Because the exhibition presented rather newer works by Vanfleteren, I became curious about his older work and, on spec, ordered his photobook “Belgicum”, which he dedicated to his fascinating country of birth. If “Nature Morte” brings the world into the studio, then “Belgicum” is the great going out into a country that the photographer has roamed for more than fifteen years. “Belgicum” is explicitly not an “objective” portrait of a country, but a subjective black-and-white document in which topography, architecture, and faces condense into an essay on the identity of Belgium. The images lead into fringes, in-between spaces, wastelands, into cafés, back rooms, past façades whose lettering and remnants of curtains tell of promises long past. The series avoids spectacular moments and concentrates on everyday architecture, faces, lettering, traces of work and history. In the photobook, these observations condense into a kind of visual inventory in which a small country becomes visible through its edges, fractures, and zones of transition.

Vanfleteren speaks of Belgium as a country with “strange and good energy”, and it is precisely this ambivalence that carries the series. The people we encounter in “Belgicum” are neither heroized nor displayed in a pitying way, but viewed with a tender severity: wrinkles, dirt, scars, crooked teeth – everything is taken seriously, nothing is smoothed away. You can see that they carry with them a long history of effort and privation, but also of pride and obstinacy. The close, high-contrast and extremely detailed portraits (which occasionally recall Anders Petersen’s photographs in Café Lehmitz) are accompanied by atmospheric, occasionally blurred images of Belgian landscapes and places that are anything but classic postcard views. Flat horizons, fragments of industry, Atlantikwall bunkers and flaking façades inscribe themselves as bodily signs of a country that does not hide its wounds. The past, as something past, is always present, a Belgium of memory in which the twenty-first century finds no place.

The photobook “Belgicum”, long since a modern classic, concentrates this journey through a melancholic country in the heart of Europe into a visual atlas. You do not leaf through it consuming, but wandering; each photograph is like a waymark in a territory that appears at once familiar and strange, especially if you yourself live in a Central European context. The rigor of the square format, the dense sequence of black-and-white images and the accompanying essay by David Van Reybrouck make “Belgicum” a book that you do not simply own, but come to inhabit over time. Vanfleteren succeeds in achieving the rare balance between timelessness and historical precision: the images could be from another era and are nevertheless unmistakably children of the present.
It is precisely in the interplay between “Belgicum” and “Nature Morte” that it becomes apparent how closely life and death, nearness and distance, document and vanitas are interwoven in his work. The dead animals in the studio and the living people in the Belgian streets, pubs and front rooms belong to the same moral and aesthetic world: a world in which dignity has nothing to do with success, but with the care with which someone is looked at.
Stephan Vanfleteren was born in Belgium in 1969 and today is one of the best-known photographers in the Benelux countries. In the 1990s he first worked as a photojournalist, among other things for the Belgian newspaper De Morgen, and accompanied events such as the social unrest at Forges de Clabecq, the Kosovo War, or the genocide in Rwanda. In parallel, he developed his own signature in black-and-white photography at an early stage, which led him from classical reportage towards free documentary and artistic series. Today his work comprises portrait series, long-term projects in Belgium, works on the sea and coasts, studio works, still lifes and nudes; he has received many awards, including several World Press Photo prizes.

The books are highly recommended. Anyone wanting to gain a first impression should take time for his website, where you get an extensive insight into his œuvre, rich in further, in part very different series that nevertheless feel formally related. You can feast your eyes.