Auf dem großartigen Fotografie-Portal von Alasdair Foster bin ich auf ein spannendes Interview gestoßen. Es gibt Fotografen, die Gebäude dokumentieren – und es gibt Thomas Kellner, der sie zum Leben erweckt. Der deutsche Künstler aus Siegen hat eine Bildsprache entwickelt, die sofort erkennbar ist und dennoch immer wieder überrascht: Architekturikonen, zerlegt in Filmstreifen und neu zusammengesetzt, bis der Eiffelturm wankt, der Big Ben schwingt und der Grand Canyon in 2.160 Einzelbildern zu atmen beginnt.
Das Prinzip: Kontaktbogen als Kunstform

Kellners Methode klingt, wenn man sie erklärt bekommt, fast simpel – und genau das ist ihre Eleganz. Er fotografiert sein Motiv Bild für Bild auf Film, schwenkt die Kamera systematisch von links nach rechts, von oben nach unten, kippt den Horizont dabei leicht – und legt die entwickelten Streifen anschließend wie einen großformatigen Kontaktbogen zusammen . Das Ergebnis: ein Gesamtbild, in dem das Motiv fragmentiert, verdreht und rhythmisiert erscheint, ohne seine Erkennbarkeit zu verlieren. Wir sehen den Parthenon, auch wenn er tanzt. Wir erkennen die Tower Bridge, auch wenn sie zu fallen scheint.

Was Kellner damit visualisier, hat eine überraschende Parallele zur menschlichen Wahrnehmung selbst: Unser Auge vollführt ständig sogenannte Sakkaden – blitzschnelle Sprünge von einem Fixpunkt zum nächsten –, die das Gehirn nahtlos zu einem kontinuierlichen Bild zusammenfügt . Kellners Bilder machen genau diesen verborgenen Mechanismus sichtbar.
Einflüsse: Von Delaunay bis Becher

Kellner verortet sich bewusst in der Kunstgeschichte. Kubismus ist eine Referenz – vor allem Robert Delaunays Orphismus mit seinen flirrenden Eiffelturm-Darstellungen –, aber mindestens ebenso prägend waren für ihn die typologischen Arbeiten von August Sander sowie Bernd und Hilla Becher . Die Frage, die ihn antreibt, ist dabei keine ästhetische, sondern eine grundsätzlich narrative: Wie erzählen wir heute Geschichten in der Kunst – und warum wird Fotografie immer noch auf ihre dokumentarische Funktion reduziert?
Die Musikwissenschaftlerin Julia Kneppe hat Kellners Arbeit einmal mit der Kompositionstechnik John Cages verglichen: Die kleinen Bildmotive bestimmen das große Ganze, ähnlich wie strukturelle Mikropunkte bei Cage die Gesamtkomposition formen . Und tatsächlich – wenn Goethe Architektur als „gefrorene Musik“ beschrieb, dann taut Kellner sie auf.
Das aufwändigste Werk: Der Grand Canyon

Sein bisher größtes Projekt bleibt der Grand Canyon von 2014 – 60 Filme, 2.160 Einzelbilder, über vier Meter Länge . Die Geschichte dahinter ist bezeichnend: Geplant war das Bild schon 2006, doch ein Einbruch in sein Studio kurz vor der Abreise vereitelte das Vorhaben. Acht Jahre wartete Kellner, bis er die nötigen Mittel wieder zusammenhatte. Solche Hartnäckigkeit ist kein Zufall – sie ist Programm. Sein eigenes Credo bringt es auf den Punkt: „Erfolg kommt weniger aus außergewöhnlicher Intelligenz als aus Ausdauer und Disziplin.“
Warum mich diese Arbeit fasziniert
In seinem Werk setzt sich Kellner mit der Frage auseinander, was ein Bild von einem bloßen Dokumentationswerkzeug unterscheidet. Er gibt darauf eine radikale Antwort: indem er das einzelne Foto verweigert. Sein Blick auf Architektur ist kein Moment – er ist eine akkumulierte Seherfahrung. An Bauwerken wie dem Brandenburger Tor oder Neuschwanstein erschließt diese Perspektive etwas neues auf Altbekanntes:: wir kennen diese Gebäude schon, bevor wir sie sehen. Kellner nutzt genau dieses Vorwissen als kompositorisches Material.
Thomas Kellner wurde 1966 in Bonn geboren, studierte an der Universität Siegen von 1989 bis 1996 Kunst und Sozialwissenschaften und lebt bis heute in Siegen. Sein Werk ist in Sammlungen wie dem George Eastman Museum, der Library of Congress und dem Art Institute of Chicago vertreten. Über 500 Ausstellungen weltweit, 30 Monografien – und die nächste ist bereits in Arbeit. Hier geht es zu seiner website…